Vorwort (Fortsetzung Startseite)
(Fortsetzung) ... Daran und damit an die nächste Szene dieses Films denken wir somit nicht, und die Reiseleiterin erzählt zunächst auch nicht viel mehr als dass sie uns Erwachsene zu unseren längst tief vergrabenen kindlichen Welten, Phantasien, Träumen und den vielen dort existierenden Wirklichkeiten hinführen möchte – ein Stück weit zumindest, da sie ja selbst auch schon lange kein Kind mehr ist und die bunten, reich schattierten Sprachen von damals durch die schwarzweiß getönte Sprache all jener, die ihr seither die Welt und deren Systematik im Brustton höchster Überzeugung erklärten und immer neu erklären, überlagert worden seien. Als Künstlerin aber, sagt sie sinngemäß und ganz ohne jede Anmaßung, habe sie doch jenen dünnen Draht, der die Sprache der Logik, der Wissenschaften, der Technologie … mit den sich nicht mathematisch artikulierbaren Sprachen der Emotionen, der Subjektivität, der Kreativität … verbindet, immer gehütet als ein wertvolles Medium, das ihr hilft, so manche als richtig, nützlich oder gar als wahr betrachtete Sache auch von hinten, von unten oder aus einer schrägen Perspektive zu betrachten.
Die Sache erscheine dann weniger als fragloser Sachverhalt, sondern als eine eigentlich jetzt erst interessante Angelegenheit, die nun befragt und hinterfragt werden könne und damit erst zum Gegenstand der Kommunikation gerate.
Wie schon angedeutet, sagt die Künstlerin das vielleicht nicht wortwörtlich – der Autor dieser Zeilen, ich also, habe mir das so notiert als Reisegast durch ihre Kunstlandschaft. Und ich notiere hauptsächlich das, was meinen Vorstellungen und meinem Horizont am nächsten kommt, oder jedenfalls das, was ich gerade noch zu verstehen vermag. Zwischendurch lese ich in der Biografie der die Reise behutsam leitenden Künstlerin und erfahre dort, dass sie sich bisher nicht allein mit Kunst beschäftigt hat, sondern auch ein vollständiges Medizinstudium absolvierte. Von Medizin verstehe ich gar nichts, denke mir aber, dass gerade dieses Fach mehrere „Sprachen“ abverlangt, um sich in der Komplexität von Zusammenhängen physischer und psychischer Phänomene, die in jedem Individuum zusammenfließen, auch nur halbwegs orientieren zu können. Jedenfalls verlangt dieses Studium auch jede Menge an „logischer“ Disziplin ab, der sich KünstlerInnen mit ausschließlich einschlägiger Ausbildung in dieser Form nicht zu unterwerfen haben. Die Reiseleiterin erscheint mir unter diesem Aspekt daher als besonders kompetent in Sachen Mehrsprachigkeit, auch wenn sie sich auf unserer Reise nicht als Ärztin deklarieren wollte oder musste.
Bei einem Bild mit einem Frosch halten wir an. Kein echter Frosch ist abgebildet, sondern ein Spielzeugfrosch zum Aufziehen. Mir kommt ein Video-Loop von Anna Jermolaewa in den Sinn, das ein aufziehbares Spielzeug zeigt, das eine Weile vor sich hinrattert ohne dass zu erkennen ist, wer es aufzieht. Wer oder was bringt dieses scheinbare Lebewesen in (seine mechanische) Bewegung? Karin Maria Pfeifers „frog“ bewegt sich nicht, aber er zeigt sich uns in drei Ansichten, frontal, im Profil und von hinten. Das Triptychon ist Teil einer Serie mit dem Übertitel „Wanted“. Auch Minni Mouse und die Biene Maja finden sich solcherart in der Fahndungskartei dokumentiert. In der En-face-Ansicht schauen sie uns erstaunt bis lächelnd an. Erstmals kommt Empörung bei den Mitreisenden auf. Was sollen die drei verbrochen haben? Ein Mitreisender räumt ein, er habe einmal gelesen, dass Majas Autor der NSDAP beigetreten sei und sie vielleicht ja deshalb … – Unfug, kontert eine andere Stimme, Maja ist Sozialistin, kämpft gegen die Königin und für die Sache der ArbeiterInnen im Staat! – Diese Monarchie sei immerhin ein Matriarchat und kein Patriarchat, die Männer seien dort nur Witzfiguren ohne Entscheidungsbefugnis, wie eben der faule Willie, wirft jemand ein. – Engagieren wir uns doch besser dafür, dass sich die Volksanwaltschaft der Tiere annimmt, – meint eine Absolventin der Frankfurter Städelschule und stößt damit auf allgemeine Zustimmung, so dass die Reise nach Verfassung einer Petition samt Unterschriftensammlung weitergehen kann.
Die Gesellschaft zieht in der Folge an einer Reihe von Bildern vorbei, die von einigen Mitreisenden als Karikaturen von eigentlich unbekannten Boxern bezeichnet werden. Eine Karikatur mache nur Sinn, wenn die sie bezeichnende Person oder das sie karikierende Ereignis allgemein bekannt sei, murmelt mein Vordermann vor sich hin. Die Reiseleiterin wendet sich ihm zu und meint, es gäbe auch allgemein bekannte Zustände, die sich über eine, wenn auch anonyme, Personifizierung karikieren oder vielleicht richtiger: charakterisieren ließen. Und: die Personen seien hier ja ausnahmslos männlich, auch wenn sie nicht unbedingt dem athletisch-männlichen und immer gewinnenden Ideal ihrer Spezies entsprächen. – Sie wollen damit also sagen, erwidert mein Vordermann, dass der Zustand des Boxsportes im Argen liege, weil die Boxer nurmehr ihr Äußeres zur Schau tragen und nicht ihre innere sportliche Einstellung? – Vielleicht möchte sie ja sagen, wirft eine ältere Mitreisende mit Hut ein, dass ihr Männer immer nur im 0-1-Modus denkt: Sieg oder Niederlage, Macht oder Ohnmacht, und das zugleich noch mit ethischen Werten verknüpft wie gut und böse –, die auch ihr Männer letztlich in die Welt gesetzt habt. Griechenland! Olympia! Alexander, noch schlimmer: Schüler des Aristoteles! Nichts hat der Zerstörer der persischen Kultur gelernt von des Aristoteles’ Lehrern Plato und Sokrates, von denen letzterer sich nur fragend, weil er von der Kunst der Hebammen lernte, an die Leute gewendet hat! Weltfremd ist seither das Denken, auch wenn es scheinbar so vernünftig sich gebärdet.
Die Reisegesellschaft wird zwar geistig zusehends wacher, doch auch ihr physisches Bedürfnis nach einer Pause mit Nahrungszufuhr meldet sich jetzt praktisch unisono. Die Reiseleiterin macht daher Halt vor einem Raum, in dem einige Kühlschränke stehen. Beim Öffnen der Kühlschranktüren vergessen allerdings manche ihren Hunger, begegnen sie dort nämlich weniger leiblich genießbaren Dingen als einer Miniaturwelt ihrer eigenen Kindheit, Jugend, ja ihrer jetzigen Bedürfnisse. „All inclusive“ lautet der Titel dieser Installation. Werden die eigentlichen Bedürfnisse unserer Reisenden damit aber auch befriedigt? Und was geschieht, wenn sie bei der nächsten Raststätte begierig nach einem der „faked cakes“ greifen?
Begeben Sie sich am Besten im vorliegenden Buch (oder noch besser direkt mit der Künstlerin vor den Originalen) mit auf die Reise durch die Bildwelten von Karin Maria Pfeifer, die nach genauerem Hinsehen sehr scharf den Stand der (westlichen) Welt von heute analysiert und kritisiert, ohne auf die Prise humoristischen Pfeffers zu vergessen, die uns diese Reise besonders unterhaltsam und kommunikativ gestaltet. Die Reise wird, wie schon erwähnt, mit bester Stimmung beginnen und womöglich auch mit bester Stimmung enden, wenn auch einiges an Nachdenklichkeit dazwischen geschaltet sein wird.
Zur Fähigkeit des Lachens „über die Dinge“ und über uns selbst fällt mir noch eine Aussage von Julius Deutschbauer und Gerhard Spring ein, die diesen kleinen Reisebericht abschließen möge: „Wie Hans Blumenberg sagt, wehrt sich der Zyniker konsequent dagegen, dass er einmal ausgelacht worden ist. Nur wer es aushält, ausgelacht zu werden, Objekt des Spotts zu sein, ist davor gefeit, Zyniker zu werden. Wer kein Zyniker sein will, muss über sich selber lachen können … Wie Musil in einer schönen Formel einmal sagt, ist Zynismus gleich Ironie minus Liebe bzw. Ironie ist gleich Zynismus plus Liebe. Wir hängen an den Dingen, über die wir lachen, wir lieben sie wie uns selbst, also sind wir keine Zyniker.“






